{"id":3075,"date":"2019-11-09T12:30:52","date_gmt":"2019-11-09T11:30:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.autolook.de\/?p=3075"},"modified":"2024-03-30T06:23:32","modified_gmt":"2024-03-30T06:23:32","slug":"grausame-schweinerei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.autolook.de\/?p=3075","title":{"rendered":"Grausame Crashtests"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-3077\" src=\"http:\/\/www.autolook.de\/wp-content\/uploads\/Crashtest-Schweine-Bild.png\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>9.11.2019 &#8211; In chinesischen Forschungseinrichtungen m\u00fcssen Schweine f\u00fcr Crashtests mit Kindersitzen ihr Leben lassen. So testet man unterschiedliche Gurtsysteme. Schweine sind in der Forschung beliebt. Deren Organe gleichen in Form und Gr\u00f6\u00dfe den menschlichen Gegenst\u00fccken. Nachschub ist gew\u00e4hrleistet, denn Schweine vermehren sich schnell. Zudem sind solche Tierversuche g\u00fcnstig: Ein Crashtest-Dummy ist mit seiner Hightech-Elektronik empfindlich, kostet neu schon mal 100.000 Euro. Ein Kilo lebendes Schwein wird in China f\u00fcr unter einen Euro gehandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Intelligente und empfindsame Tiere wie Schweine auf Sitzen festzuschnallen und sie bei Hochgeschwindigkeits-Crashtests in China gegen W\u00e4nde knallen zu lassen, ist schlichtweg grausam\u201d stellt Anne Meinert fest, Referentin Tierversuche bei der Tierschutzorganisation PETA Deutschland, \u201cdas f\u00fchrt zu schweren Br\u00fcchen, Quetschungen, Schnittwunden und schrecklichen Todesf\u00e4llen\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>PETA beobachtet die gro\u00dfen Autom\u00e4rkte und machte Mitte der 1990er-Jahre in den USA General Motors den Garaus. Innerhalb von zehn Jahren opferte GM in Crashanlagen mehr als 19.000 Schweine, Hunde oder andere Tiere. \u00c4hnlich agierten auch Ford und Volvo. Die Autohersteller stoppten daraufhin die Tierversuche. Im Verborgenen wurde aber weiter geforscht: Noch 2008 setzten US-Milit\u00e4rforscher bet\u00e4ubte Schweine in Humvee-Gel\u00e4ndewagen ein, um die Wirkung von Stra\u00dfenbomben auf Schweinegehirne zu testen. Offiziell ging es um besseren Schutz f\u00fcr Soldaten, nicht um Waffenentwicklung.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Tiertests geh\u00f6ren hierzulande der Vergangenheit an. Schon 1993 enth\u00fcllten Bild-Reporter, dass die Universit\u00e4t Heidelberg Kadaver f\u00fcr Crashtests einsetzte. Jahrelang wurden etwa 200 Kinder- und Erwachsenenleichen genutzt. Auf \u00f6ffentlichen Druck hin verzichtete man auf Leichen und griff kurzzeitig auf Schweine zur\u00fcck &#8211; bevor man ganz auf Tierversuche verzichtete.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Heute behauptet die Automobilindustrie, dass Tiere keinen Emissions- oder Sicherheitstests mehr unterzogen werden. Im letzten Jahr flog aber auf, dass gro\u00dfe Hersteller wie VW, Daimler, BMW in den USA Affen Dieselabgase einatmen lie\u00dfen &#8211; die Tests wurden an einen Forschungsverein vergeben. Welche Auftragggeber hinter den chinesischen Schweine-Crashtests stehen, ist nicht ganz klar. F\u00fcr die Versuche am \u201eInstitute for Traffic Medicine\u201c an der \u201eThird Military Medical University\u201c sind lediglich F\u00f6rdermittel in Ver\u00f6ffentlichungen ausgewiesen. \u201cEs ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass es da Kooperationen mit der Autoindustrie gibt, die bewusst nicht \u00f6ffentlich gemacht werden\u201d, vermutet Anne Meinert von PETA, die \u00e4hnliche F\u00e4lle kennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wissenschaftler verteidigen ihre Arbeit: Daten von Erwachsenen-Crashtests lie\u00dfen sich nicht ohne Weiteres auf die Anatomie von Kindern \u00fcbertragen. Deshalb m\u00fcsse das Unfallverhalten von 6-j\u00e4hrigen Kindern simuliert werden: Auf R\u00fcckhaltesystemen f\u00fcr Kindersitze fixierte man Schweine mit Parallelgurten, Diagonalgurt mit Beckengurt und Doppeldiagonalgurt.\u00a0 In der Universit\u00e4tsstadt Chingqong testete ein Team um den Wissenschaftler Qiaolin Wang die Brust-Bauchbelastung von jungen Schweinen. Die Forscher w\u00e4hlten 20 Wochen alte Schweine als Versuchstiere aus. Beliebt sind auch tibetische Zwergschweine, die im Alter von etwa 24 Monaten erwachsen sind und etwa 20 kg wiegen. Zur Bet\u00e4ubung erhielten die Schweine eine Beruhigungsdosis gespritzt. Dann wurden sie lebend auf die Versuchsschlitten geschnallt und Crashtestserien mit einer Aufprallgeschwindigkeit von 30 &#8211; und 50 km\/h gefahren.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa die H\u00e4lfte starb nach der Wucht des Aufpralls direkt, die Anderen \u00fcberlebten einige Stunden. Beim Aufprall wirbelten die K\u00f6rper im Sitz, schlugen Purzelb\u00e4ume oder schleuderten aus den Sitzen. Brustwirbel wurden gequetscht, rissen auf und bluteten. Meist wurden Lungen verletzt, gefolgt von Milz und Leber. Die Ergebnisse sollen Aufschluss zu Brust- und Bauchverletzungen von Kindern im Crashfall ergeben. Tiertests k\u00f6nnen zwar einen altersgerechten R\u00fcckhalt und eine entsprechende Sitzposition simulieren, aber nur bedingt \u00fcbertragen werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-3076\" src=\"http:\/\/www.autolook.de\/wp-content\/uploads\/Qiaolin-Wang-Hongyi-Xiang-INTERNATIONAL-JOURNAL-OF-CRASHWORTHINESS.png\" alt=\"\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201cSchlussfolgerungen zum Verletzungsrisiko bei Crashtests basierend auf den Experimenten mit Schweinen sind kaum m\u00f6glich\u201c, erkl\u00e4rt Volker Sandner, Leiter Fahrzeugsicherheit im ADAC Technikzentrum. Dar\u00fcber hinaus sei Vorsicht geboten, da die Unterschiede in Anatomie und K\u00f6rpermasse zwischen Mensch und Schwein nicht direkt vergleichbar seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierzulande verbietet das Tierschutzgesetz solche Versuche. In der wissenschaftlichen Grundlagenforschung m\u00fcssen Antr\u00e4ge ein strenges, mehrstufiges Genehmigungsverfahren durchlaufen. Tierversuche d\u00fcrfen demnach nur dann durchgef\u00fchrt werden, wenn nicht andere Methoden oder Verfahren m\u00f6glich sind. \u201cDas ist bei den angesprochenen Tests der Automobilindustrie der Fall\u201d, erkl\u00e4rt Friederike Lenz, vom Bundesministerium f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft (BMEL), \u201ces stehen dort Dummys zur Verf\u00fcgung, mit denen die Auswirkungen von Verkehrsunf\u00e4llen auf den menschlichen K\u00f6rper angemessen simuliert werden k\u00f6nnen.\u201d Der Gesetzgeber h\u00e4lt auch eine \u00dcbersicht vor, was sich in den deutschen Versuchsst\u00e4llen tut. Die Datenbank AnimalTestinfo des Instituts f\u00fcr Risikobewertung (BfR) listet beispielsweise f\u00fcr 2019 fast 1700 Tests mit Schweinen auf &#8211; keiner davon in der Autoindustrie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>9.11.2019 &#8211; In chinesischen Forschungseinrichtungen m\u00fcssen Schweine f\u00fcr Crashtests mit Kindersitzen ihr Leben lassen. So testet man unterschiedliche Gurtsysteme. Schweine sind in der Forschung beliebt. Deren Organe gleichen in Form und Gr\u00f6\u00dfe den menschlichen Gegenst\u00fccken. Nachschub ist gew\u00e4hrleistet, denn Schweine vermehren sich schnell. 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