Mehr Transparenz wagen

Volkswagen und Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) können von Ikea lernen. Das schwedische Möbelhaus ruft gefährliche Produkte unverzüglich zurück und informiert seine Kunden umfassend. Über drohende Gefahren, verkaufte Stückzahlen oder die weitere Vorgehensweise. Die hiesige Autoindustrie dagegen hat deutliche Defizite. Ist ein Fahrzeugmangel entdeckt, reagieren die Autohersteller meist zögerlich mit Rückrufen. Und auch das KBA als oberste Marktüberwachungsbehörde verhält sich abwartend. Wer sich über Fahrzeugrückrufe informieren will, wird enttäuscht. Es fehlt ein übersichtliches und leicht bedienbares Rechercheportal.

„Beim Kraftfahrtbundesamt besteht deutlicher Nachholbedarf in puncto Verbraucherschutz”, stellt Marion Jungbluth fest, Leiterin Mobilität beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Der Vergleich der „amtlichen” Rückrufdatenbank, die in einem Untermenü der Homepage versteckt ist, mit dem Portal der amerikanischen Verkehrssicherheitsbehörde NHSTA fiel vernichtend aus. Die Frage, ob ein Automodell von Rückrufen betroffen ist, beantwortet die Suche beim KBA nur unbefriedigend. Am Ende vergaben die Tester für das Angebot ein “mangelhaft”. Die Flensburger verfügten nur über ein rudimentäres  Angebot. Völlig anders stellt sich das leicht bedienbare amerikanische Rückrufportal dar, das von den Verbraucherzentralen ein “ausgezeichnet” erhielt.

Neu- und Gebrauchtwagenkäufer benötigen zuverlässige und verständliche Auskünfte, dies sich mit vorhandener Technik schnell aus einem Datenpool generieren ließen. Denn noch nie wurden so viele Autos zurückgerufen wie im letzten Jahr: 4,2 Millionen, im Jahre 2015 waren es nur 1,6 Millionen. Einen Grund sehen Experten in den schnellen Modellwechseln mit verkürzten Testzeiten. Erprobungsfahrten verlagern sich mittlerweile auf Neuwagenkäufer.  Bei technischen Fahrzeugproblemen veranlassen die Automobilhersteller einen „freiwilligen“ Rückruf. Oftmals lässt man aber Autofahrer im Unklaren: Bei der Inspektion werden kleinere Mängel unauffällig behoben, beispielsweise eine Software aktualisiert.

Handelt es sich allerdings um eine “ernste Gefährdung”, übernimmt laut gesetzlichem Auftrag das KBA mit einem „verpflichtenden“ Rückruf. Bei der Umsetzung hapert es aber. Dies wird beim Dieselskandal deutlich. „Die Behördenstruktur hat komplett versagt“, kritisiert Oliver Krischer, Fraktionsvize und Verbraucherschützer bei den Grünen. Die Aufsichtskontrolle von Verkehrsminister Dobrindt sei zu lasch. “Die Bundesregierung schützt das Kraftfahrt-Bundesamt, während bei  amerikanischen Bundesbehörden die Verbraucherinteressen im Vordergrund stehen”, erklärt Krischer.

Wie ein Portal aussehen kann, zeigt das Watchblog “Kfz-Rueckrufe.de”. Aktuell und umfangreich informiert es zu Automarken und Regionen, Urteile und aktuelle Hintergründe ergänzen das Angebot. Noch müssen die Betreiber ihre Infos mühevoll zusammentragen. “Wünschenswert wäre eine direkte Belieferung durch Hersteller oder KBA”, sagt Initiator Nico Ganzer.  Sein Projekt trägt schon Früchte. Die FIA, der Dachverband der größten Automobilklubs, empfahl Kfz-Rueckrufe.de seinen Mitgliedern – als hilfreiche Informationsquelle.