Notruf: Datenkrake eCall

Eine Horrorvorstellung für jeden Autofahrer: ein schwerer Unfall nachts auf einer einsamen Landstraße und niemand hilft. Die Rettung kommt aus Brüssel, von der EU-Kommission. Sie schreibt ab dem 31. März europaweit verpflichtend für alle neuen Fahrzeugtypen das Notrufsystem eCall (emergency Call) vor. Ein Geschenk für die Autoindustrie: Landet ein eCall in der Rettungsleitzentrale, hält man dort für die Hilfsbedürftigen direkt maßgeschneiderte “Mehrwertdienste” bereit. Denn alternativ zum gesetzlichen 112-Notruf über ein Mobilfunkmodul dürfen Autohersteller ein eigenes System mit zusätzlichen Leistungen anbieten. Neue Geschäftsmodelle versprechen Milliardengewinne.
Rund 20.000 Anrufe im Monat erreichen die Mercedes-Notrufzentrale in Magdeburg. Nur bei jedem 30. Hilferuf handelt es sich um einen “echten” Autounfall. “Automobilhersteller nutzen dann als erste die Daten, um Wettbewerber auszuschalten”, erklärt Volker Lüdemann, Leiter Niedersächsisches Datenschutzzentrum (NDZ) in Osnabrück. Von der Auswahl der Pannenhilfe, der medizinischen Betreuung bis hin zu einer Vertragswerkstatt, die nur mit teuren Original-Ersatzteilen repariert. “Unterm Strich wird es zu höheren Kosten für den Kunden führen”, befürchtet Datenschützer Lüdemann.
Selbst ein Kleinstwagen wird mit eCall künftig internetfähig und zu einem wertvollen Datenlieferanten. Entscheidet sich der Autobesitzer für die Hersteller-Notruffunktion, dürfen im Crashfall weitere Daten wie Kilometerstand, Wartungsinformationen, Fahrzeugalter übertragen werden. So erhalten Autofahrer nach dem Notruf “auf Wunsch auch Hilfestellung zu Abschleppservice oder Reparaturfragen“, wie Mercedes zugibt. Auch BMW bietet mit ConnectedDrive einen Notruf, der direkt im hauseigenen Callcenter landet. “Es erfolgt aber keine Daten-Weitergabe an Dritte”, wehrt BMW Kritik am Datenschutz ab. Wer gibt schon ein profitables Geschäft aus den Händen?
Mit der eCall-Technik öffnet sich auch der Fahrzeuginnenraum für Spione. Nach einem gemeldeten Unfall versucht die Rettungsstelle die Situation mit einem Rückruf zu analysieren. “Ja, der Notruf-Agent kann durch den Sprachkanal in das Fahrzeug hineinhören”, bestätigt Mercedes. Für Überwachungsbehörden in den USA nichts Neues. In einem Chevrolet Tahoe drückte ein Krimineller versehentlich die Notfalltaste des OnStar-Systems, aktivierte so die “Listen-In”-Funktion. Anhand des mitgehörten Gespräches verhaftete die Polizei den Drogendealer. In einem weiteren Fall lies das FBI konspirative Treffen in einem Mercedes mitschneiden. Gesetze und Richter lassen dies zu.
Auch hierzulande denkt der Gesetzgeber über Ähnliches nach. Ex-Innenminister de Maiziere forderte bei der letzten Innenministerkonferenz eine Gesetzesinitiative zur Terrorbekämpfung und Strafverfolgung. Sie würde der Polizei effektivere Lauschangriffe im Auto erlauben. Ermittlern falle es nämlich zunehmend schwerer Abhörwanzen in Pkw einzubauen, so die Begründung. Die Notruftechnik bietet die Option im Fahrzeug abzuhören, wäre aber möglicherweise ein Eigentor: Insider berichten, dass Geheimdienstler Angst vor der Wanze eCall haben.