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Grausame Schweinerei

9.11.2019 – In chinesischen Forschungseinrichtungen müssen Schweine für Crashtests mit Kindersitzen ihr Leben lassen. So testet man unterschiedliche Gurtsysteme. Schweine sind in der Forschung beliebt. Deren Organe gleichen in Form und Größe den menschlichen Gegenstücken. Nachschub ist gewährleistet, denn Schweine vermehren sich schnell. Zudem sind solche Tierversuche günstig: Ein Crashtest-Dummy ist mit seiner Hightech-Elektronik empfindlich, kostet neu schon mal 100.000 Euro. Ein Kilo lebendes Schwein wird in China für unter einen Euro gehandelt.

“Intelligente und empfindsame Tiere wie Schweine auf Sitzen festzuschnallen und sie bei Hochgeschwindigkeits-Crashtests in China gegen Wände knallen zu lassen, ist schlichtweg grausam” stellt Anne Meinert fest, Referentin Tierversuche bei der Tierschutzorganisation PETA Deutschland, “das führt zu schweren Brüchen, Quetschungen, Schnittwunden und schrecklichen Todesfällen”.

PETA beobachtet die großen Automärkte und machte Mitte der 1990er-Jahre in den USA General Motors den Garaus. Innerhalb von zehn Jahren opferte GM in Crashanlagen mehr als 19.000 Schweine, Hunde oder andere Tiere. Ähnlich agierten auch Ford und Volvo. Die Autohersteller stoppten daraufhin die Tierversuche. Im Verborgenen wurde aber weiter geforscht: Noch 2008 setzten US-Militärforscher betäubte Schweine in Humvee-Geländewagen ein, um die Wirkung von Straßenbomben auf Schweinegehirne zu testen. Offiziell ging es um besseren Schutz für Soldaten, nicht um Waffenentwicklung. 

Solche Tiertests gehören hierzulande der Vergangenheit an. Schon 1993 enthüllten Bild-Reporter, dass die Universität Heidelberg Kadaver für Crashtests einsetzte. Jahrelang wurden etwa 200 Kinder- und Erwachsenenleichen genutzt. Auf öffentlichen Druck hin verzichtete man auf Leichen und griff kurzzeitig auf Schweine zurück – bevor man ganz auf Tierversuche verzichtete. 

Heute behauptet die Automobilindustrie, dass Tiere keinen Emissions- oder Sicherheitstests mehr unterzogen werden. Im letzten Jahr flog aber auf, dass große Hersteller wie VW, Daimler, BMW in den USA Affen Dieselabgase einatmen ließen – die Tests wurden an einen Forschungsverein vergeben. Welche Auftragggeber hinter den chinesischen Schweine-Crashtests stehen, ist nicht ganz klar. Für die Versuche am „Institute for Traffic Medicine“ an der „Third Military Medical University“ sind lediglich Fördermittel in Veröffentlichungen ausgewiesen. “Es ist nicht auszuschließen, dass es da Kooperationen mit der Autoindustrie gibt, die bewusst nicht öffentlich gemacht werden”, vermutet Anne Meinert von PETA, die ähnliche Fälle kennt.

Die Wissenschaftler verteidigen ihre Arbeit: Daten von Erwachsenen-Crashtests ließen sich nicht ohne Weiteres auf die Anatomie von Kindern übertragen. Deshalb müsse das Unfallverhalten von 6-jährigen Kindern simuliert werden: Auf Rückhaltesystemen für Kindersitze fixierte man Schweine mit Parallelgurten, Diagonalgurt mit Beckengurt und Doppeldiagonalgurt.  In der Universitätsstadt Chingqong testete ein Team um den Wissenschaftler Qiaolin Wang die Brust-Bauchbelastung von jungen Schweinen. Die Forscher wählten 20 Wochen alte Schweine als Versuchstiere aus. Beliebt sind auch tibetische Zwergschweine, die im Alter von etwa 24 Monaten erwachsen sind und etwa 20 kg wiegen. Zur Betäubung erhielten die Schweine eine Beruhigungsdosis gespritzt. Dann wurden sie lebend auf die Versuchsschlitten geschnallt und Crashtestserien mit einer Aufprallgeschwindigkeit von 30 – und 50 km/h gefahren. 

Etwa die Hälfte starb nach der Wucht des Aufpralls direkt, die Anderen überlebten einige Stunden. Beim Aufprall wirbelten die Körper im Sitz, schlugen Purzelbäume oder schleuderten aus den Sitzen. Brustwirbel wurden gequetscht, rissen auf und bluteten. Meist wurden Lungen verletzt, gefolgt von Milz und Leber. Die Ergebnisse sollen Aufschluss zu Brust- und Bauchverletzungen von Kindern im Crashfall ergeben. Tiertests können zwar einen altersgerechten Rückhalt und eine entsprechende Sitzposition simulieren, aber nur bedingt übertragen werden.

“Schlussfolgerungen zum Verletzungsrisiko bei Crashtests basierend auf den Experimenten mit Schweinen sind kaum möglich“, erklärt Volker Sandner, Leiter Fahrzeugsicherheit im ADAC Technikzentrum. Darüber hinaus sei Vorsicht geboten, da die Unterschiede in Anatomie und Körpermasse zwischen Mensch und Schwein nicht direkt vergleichbar seien.

Hierzulande verbietet das Tierschutzgesetz solche Versuche. In der wissenschaftlichen Grundlagenforschung müssen Anträge ein strenges, mehrstufiges Genehmigungsverfahren durchlaufen. Tierversuche dürfen demnach nur dann durchgeführt werden, wenn nicht andere Methoden oder Verfahren möglich sind. “Das ist bei den angesprochenen Tests der Automobilindustrie der Fall”, erklärt Friederike Lenz, vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), “es stehen dort Dummys zur Verfügung, mit denen die Auswirkungen von Verkehrsunfällen auf den menschlichen Körper angemessen simuliert werden können.” Der Gesetzgeber hält auch eine Übersicht vor, was sich in den deutschen Versuchsställen tut. Die Datenbank AnimalTestinfo des Instituts für Risikobewertung (BfR) listet beispielsweise für 2019 fast 1700 Tests mit Schweinen auf – keiner davon in der Autoindustrie.