Legal, billig, tödlich: Kiosk-Drogen

Kiosk-Drogen sind angesagt. Noch nie war es einfacher, berauschende Drogen zu kaufen. Bisher überschwemmten meist Internethändler den Markt, jetzt werden sie sogar  in Spätishops angeboten. Hexahydrocannabinol (HHC) heißt der Stoff der Stunde. Billig und legal als „Baller-Liquid“ in sogenannten PENs für E-Zigaretten. Aber auch in Tütchen, Keksen oder Gum­mi­bär­chen.

HHC hat eine Cannabis-ähnliche Rauschwirkung. Anders als das hoch­wirk­same THC (Tetrahydrocannabinol), fällt es aber nicht unter die Betäu­bungs­mit­tel. Denn der Wirkstoff wird nur synthetisch durch chemische Umwandlung im Labor aus Industriehanf hergestellt. HHC ist seit etwa einem Jahr auf dem Markt und zählt zu den Neuen Psychoaktiven Substanzen (NPS). Dem EU-Frühwarnsystem wurden bisher rund 900 NPS-Varianten gemeldet. Obwohl weit verbreitet, fehlen Studien über die Kurz- und Langzeitwirkung. 

Experten warnen: Effekte, Struktur und Qualität sind unberechenbar. „Das ist so, als würde man heute Bier kaufen, bekäme morgen Doppelbock und übermorgen 80-prozentigen Rum in der Flasche“, sagt  Markus Neueder, Leiter des Drogendezernats beim Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA). 

Zwar wurden einige dieser berauschenden Stoffe im Betäubungsmittel- oder Neue-Psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NPSG) verboten. Shop-Besitzer handeln aber ohne Risiko: Sobald eine Variante auf dem Index landet, kommt eine neue auf den Markt. Dazu wird nur die chemische Struktur und Stoffgruppe einer verbotenen Droge in Laboren verändert – ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Gesetzgeber. Derzeit werde HHC einer Überprüfung unterzogen, heißt es schon aus dem Gesundheitsministerium. 

Wie sich diese Substanzen im Straßenverkehr auswirken, zeigt die Studie “DrAIN“ (Bekämpfung des Handels mit NPS) des BLKA. “Als Ersatz für Cannabis konsumieren Autofahrer NPS, um bei Drogenkontrollen unerkannt zu bleiben“, erläutert Markus Neueder. Sie seien tickende Zeitbomben im Straßenverkehr. Verkehrsmediziner warnen vor HCC: Während Cannabis die Sensoren im Gehirn nur gering aktiviert, wirkt es bis zum 200 Mal stärker.  Dabei können jederzeit Panikattacken oder Wahnvorstellungen auftreten. 

Trotz der Gefährlichkeit werden NPS bei Fahreignungsgutachten noch vernachlässigt. So nutzen viele Drogensünder während einer verordneten Medizinisch-psychologischen-Untersuchung, („Idiotentest“) als Ersatz Psychostoffe wie HCC. Etwa 27000 Autofahrer mussten 2021 wegen „Betäubungsmittel- und Medikamentenauffälligkeit“ zwölf Monate Abstinenz nachweisen. Rechtsmediziner der Uni München untersuchten einen Teil dieser Drogenscreenings gezielt auf NPS. Dabei erwiesen sich Haaranalysen als zuverlässigster Nachweis. „Die Studie legt nahe, dass rund vier Prozent der Konsumenten einen Wechsel von klassischen hin zu Designerdrogen vollzogen“, erklärt Thomas Heinrich, Forschungsleiter der ADAC Stiftung, die die Studie finanzierte. Somit erhielten mehr als tausend Autofahrer nach der MPU die Fahrerlaubnis zurück, obwohl sie weiterhin Drogen konsumiert hatten. 

Psychoaktive Substanzen seien aber für alle Konsumenten gefährlich und möglicherweise ein tödliches Risiko. „Wir haben uns die Adressenliste eines großen Onlineshops mit mehreren tausend Kunden genauer angesehen und festgestellt, dass viele ehemaligen Besteller innerhalb kurzer Zeit verstorben waren“, erzählt Kriminologe Markus Neueder. Ihr Durchschnittsalter lag bei 34 Jahren.